Le Rouge aux lèvres  (Daughters of Darkness)
Harry Kümel
Belgien/Frankreich/Deutschland 1971, Digital, Farbe, 100 Min., ungeschnittene eOmdU

Ein (feministischer) Vampirfilm mit Kultstatus in Europa und in den USA und ein lange verkanntes cineastisches Juwel der 1970er Jahre mit der schlichtweg betörenden Grande Dame des europäischen Arthousekinos: Delphine Seyrig.
Erotik mit sozialkritischem Subtext, Klassenkampf und Báthory-Mythos in grandiosen Bildern und Farben.

Ostende: Frisch vermählt machen Valerie und Stefan ungeplant Zwischenstopp in einem leeren Luxushotel an der Küste. Es ist Jahresende, die Saison ist vorbei, sie sind die einzigen Gäste. Vorerst. Denn noch in derselben Nacht betritt eine geheimnisvolle Gräfin (Delphine Seyrig) in Begleitung ihrer Sekretärin die Lobby und fragt nach einem Zimmer. Stefan ist sofort wie gebannt von den beiden Neuankömmlingen. Als der Portier aber ihren Namen hört, wirkt er äußerst irritiert: 40 Jahre ist es inzwischen her, und doch ist die Gräfin keinen Tag gealtert? „Das war meine Mutter“, ist die kurze Antwort. Am nächsten Morgen schreibt die Zeitung von einer weiteren jungen Frauenleiche, der jeder Tropfen Blut fehlt…

Blut an den Lippen ist ein außergewöhnlicher Genrefilm, der […] viele Stilrichtungen kreuzt, auf eine sehr avantgardistische Art und Weise […]. Ein unglaubliches Crossover aus 70er Ex- und Sexploitation Grindhousekino, dabei handwerklich so grandios, anspruchsvoll und subtil inszeniert, dass es leicht an den wenige Jahre später erschienenen Klassiker Wenn die Gondeln Trauer tragen erinnert. Die Mischung aus sexuellem Befreiungskino, Horror und Arthouse-Anspruch scheint sehr gewagt, gerade dadurch bezieht Le Rouge aux lèvres seinen einzigartigen Reiz, ist (heute ohnehin nicht) kaum kopierbar und ein Unikum […]. Der Mann als unantastbares Alphatier wird abgelöst, langsam, aber konsequent. (moviebreak.de)

Die Gräfin ist – schon durch die perfekte Ausstattung und die extravagante Garderobe – ihrem männlichen Gegenspieler offensichtlich überlegen, souverän, weltoffen und mondän, und verführt dessen Ehefrau mühelos in den Flitterwochen, wo doch diese traditionsgemäß als Übergangsphase gelten, „während der der Ehemann Macht und Kontrolle über die junge Frau etabliert und sie zur gesellschaftlich vorgeschriebenen Heterosexualität entweder bekehrt oder zwingt“. (Bonnie Zimmermann, Rote Küsse, 1992)

Egal wie altbekannt die Geschichte um eine blutdürstige Vampirin und eine blonde Unschuld vom Lande auch ist, Harry Kümels Variation der Geschichte der Blutgräfin Elisabeth Báthory ist so aufregend und ungeheuer geraten, dass man sich an diesem delirierenden Fiebertraum, der buchstäblich alle Schattierungen von Rot und Blau durchläuft, gar nicht sattsehen kann. Allein die Darstellerinnen sind (man mag es mir verzeihen) eine einzige Augenweide und verfügen über eine beachtliche Bandbreite an Qualifikationen: Während Danielle Ouimet im Jahre 1966 zur Miss Québec gekürt worden war und Andrea Rau wohl auf Ewigkeiten mit zweifelhafter Filmware (Die liebestollen Baronessen und Frau Wirtin bläst auch gerne Trompete) verbunden ist, war Delphine Seyrig eine Ikone der Nouvelle Vague, die unter anderem in Letztes Jahr in Marienbad, Geraubte Küsse und Der diskrete Charme der Bourgeoisie mitgewirkt hatte und die hier wirkt wie eine "psychopathische Marlene Dietrich". (kino-zeit.de)

Harry Kümel
wurde am 27. Januar 1940 in Antwerpen, Belgien geboren und ist Filmregisseur. Sein Vampirfilm Le Rouge aux lèvres (Daughters of Darkness, 1971) mit Delphine Seyrig wurde zu einem Kult-Hit in Europa und den Vereinigten Staaten. Im selben Jahr folgte Malpertuis mit Orson Welles und Mathieu Carrière in den Hauptrollen. Basierend auf dem gleichnamigen Roman des belgischen Schriftstellers Jean Ray, war Malpertuis kein großer Erfolg an den Kinokassen, obwohl der Film bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes für die „Palme d'Or“ nominiert wurde. Ein weiteres bekanntes Werk Kümels ist das 1968 gedrehte Drama Monsieur Hawarden. Darin muss sich Meriora Gillibrand, eine Dame aus gutem Hause, als Mann verkleidet durch Europa schlagen, nachdem sie ihren Liebhaber umgebracht hat. Unter dem Namen Hawarden flieht sie mit ihrer Dienerin nach Belgien. Der Film ist teilweise nach einer wahren Geschichte entstanden; Gillibrands Grab kann heute noch im deutschsprachigen Teil Belgiens besucht werden.

Filmografie: Hendrik Conscience (1963), Le Rouge aux lèvres (1971), Malpertuis (1972), Het verloren paradijs (Lost Paradise, 1978), The Secrets of Love (1985), Der Liebeszauber (1989), Eline Vere (1991).

KATEGORIE:
PROGRAMMSCHIENEN:
16.06. 22:00 / Metro Kino Historischer Saal

REGIE:
Harry Kümel

Buch: Harry Kümel, Pierre Drouot, Jean Ferry, Manfred R. Köhler, J. J. Amiel.
Kamera: Eduard van der Enden.
Schnitt: August Verschueren, Denis Bonan, Hans Zeiler (ungenannt).
Musik: François de Roubaix.
Mit: Delphine Seyrig, John Karlen, Danielle Ouimet, Andrea Rau.

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